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Ars Audiendi ~ Musikhören als schöpferische und heilende Kunst
Die Heilkunst des Hörens

 Komponisten

 Hildegard von Bingen  1098 - 1179  (12. Jahrhundert)

 

Hildegard von Bingen beim Komponieren (12.Jh)Einzigartig in der gesamten Musikgeschichte steht Hildegard von Bingen da. Zu einer Zeit, da es noch keine eigentlichen Komponisten gab, schuf sie als Frau in einer von MĂ€nnern beherrschten Welt eine FĂŒlle atemberaubender GesĂ€nge mit individuellem musikalischen Gehalt. Ihr Ruf drang bis nach Paris, dem damaligen Zentrum der europĂ€ischen Musik (NĂŽtre-Dame), wo Meister Leoninus eine Schule der ersten Polyphonie aufbaute. Magister Odo von Paris erwĂ€hnt sie in seinen Schriften. Doch die Äbtissin Hildegard hatte mit Polyphonie nichts zu tun. Sie besaß nur die Werkzeuge des Gregorianischen Gesanges und die KlĂ€nge der fahrenden Spielleute ihrer Umgebung, um “ihren Ton” zu formen.

Was Hildegards Musik so bedeutend macht, ist die Art der Inspiration. Hildegard war von Kindheit an hellsichtig und hellhörig. Sie hörte und schaute himmlische Gesichte, und sie erhielt ausfĂŒhrliche ErklĂ€rungen dazu. Die hat sie uns in mehreren BĂŒchern hinterlassen.

Die KlĂ€nge hörte sie, wie sie selbst sagt, “mit dem inneren Ohr”, und brachte sie mit den ihr zur VerfĂŒgung stehenden musikalischen Mitteln zu Ă€ußerem Gehör. Es ist zwar Gregorianik, aber mit gesprengten Grenzen. Der Tonumfang in die Höhe ist enorm gesteigert, sie benutzt die strengen Formen recht frei, verbindet sie zu neuen, grĂ¶ĂŸeren Strukturen. Es ist bekannt, daß in ihrem Kloster auch Instrumente erklangen, was sonst als nicht erlaubt galt. Hildegard, auch Benediktinerin, gestaltete das Klosterleben aus der inneren Freiheit ihrer Begegnung mit dem “lebendigen Licht”. So fĂŒhrte sie mit ihren Schwestern das religiöse Musikdrama “Ordo virtutum” auf, zu dem die Nonnen mit offenem Haar und Schmuck auftreten durften...

Eine weit in die Zukunft weisende Eigenheit der Hildegard-Musik hat die Musikwissenschaft entdeckt: Sie bevorzugt aus den zwölf Kirchentonarten eindeutig zwei Tonarten, die im 17. Jahrhundert in der Barockmusik dann zu “Dur” und “Moll” werden. - Ein halbes Jahrtausend bevor die musikalischen Mittel zur VerfĂŒgung standen, melden sie sich bereits bei Hildegard von Bingen. (Erst mit der Reduzierung auf Dur und Moll wurde die spannungsgeladene Entwicklung der Klassik und Romantik möglich!)

Der Vorgang ihrer Inspiration erinnert an die wenigen Aussagen, die uns von großen Komponisten ĂŒberliefert sind. Als Beispiel dazu AuszĂŒge aus einem Interview mit Johannes Brahms , das dieser kurz vor seinem Tod einem jungen Musikjournalisten gewĂ€hrte, mit der Bedingung, erst 50 Jahre nach seinem Ableben diese Worte zu veröffentlichen. Der Journalist Arthur Abell hielt sich daran.

Brahms sagte: “Wie Beethoven zu erkennen, daß wir eins sind mit dem Schöpfer, ist ein wunderbares, ehrfurchtgebietendes Erlebnis. Sehr wenige Menschen gelangen zu dieser Erkenntnis, weshalb es so wenige große Komponisten oder schöpferische Geister auf allen Gebieten menschlichen BemĂŒhens gibt. Über dies alles denke ich immer nach, bevor, ich zu komponieren anfange. Dies ist der erste Schritt.
Wenn ich den Drang in mir spĂŒre, wende ich mich zunĂ€chst direkt an meinen Schöpfer und stelle ihm die drei in unserem Leben auf dieser Welt wichtigsten Fragen:  woher?  warum?  wohin?
Ich spĂŒre unmittelbar danach Schwingungen, die mich ganz durchdringen. Sie sind der Geist, der die inneren SeelenkrĂ€fte erleuchtet, und in diesem Zustand der VerzĂŒckung sehe ich klar, was bei meiner ĂŒblichen GemĂŒtslage dunkel ist. Dann fĂŒhle ich mich fĂ€hig, mich von oben inspirieren zu lassen. Vor allem wird mir in solchen Augenblicken die ungeheure Bedeutung der Offenbarung Jesu bewußt: »Ich und der Vater sind eins.« Diese Schwingungen nehmen die Form bestimmter geistiger Bilder an, nachdem ich meinen Wunsch und Entschluß bezĂŒglich dessen, was ich möchte, formuliert habe: nĂ€mlich inspiriert zu werden, um etwas zu komponieren, was die Menschheit aufrichtet und fördert - etwas von dauerhaftem Wert. Sofort strömen die Ideen auf mich ein, direkt von Gott. Ich sehe nicht nur bestimmte Themen vor meinem geistigen Auge, sondern auch die richtige Form, in die sie gekleidet sind, die Harmonien und die Orchestrierung. Takt fĂŒr Takt wird mir das fertige Werk offenbart, wenn ich mich in dieser seltenen, inspirierten GefĂŒhlslage befinde.
So komponierte Mozart. Man fragte ihn einmal nach dem Vorgang beim Komponieren, und er erwiderte: »Es geht bei mir zu wie in einem schönen, starken Traume.«  Er beschrieb dann, wie die Ideen, in die richtige musikalische Fassung gekleidet, auf ihn einströmten, ganz wie bei mir. NatĂŒrlich muß ein Komponist Kompositionstechnik, Form, Theorie, Harmonie, Kontrapunkt, Instrumentation beherrschen  aber dies kann jeder musikalisch Begabte, wenn er den richtigen Fleiß aufbringt.”

Visionsbild der EngelhierarchienHildegards Musik   ist gewöhnungsbedĂŒrftig.
Sie enthĂ€lt Licht in höchster Schwingung, das ĂŒberfordert manche Seelen. Darum sollten Sie nicht zuviel Hildegard-Musik auf einmal hören, jedoch immer wieder etwas. Idealerweise hören Sie sich ein einziges StĂŒck drei bis fĂŒnf Mal hintereinander an.

Die
schönsten Interpretationen fand ich mit dem Ensemble Sequentia (siehe Liste), unter der Leitung von Barbara Thornton. Diese KĂŒnstlerin hat mit ihrer Erforschung und Ausarbeitung der GesĂ€nge Hildegards ein Lebenswerk geschaffen, dessen Bedeutung wahrscheinlich erst im Laufe von Jahrzehnten aufleuchten wird. Sie starb erst vor wenigen Jahren ĂŒberraschend, noch jung an Jahren.

Meiner persönlichen Forschung hat sich eine Art unterirdische Beziehung eröffnet zwischen der Musik Hildegard von Bingens und der Symphonik Anton Bruckners. Doch es wĂŒrde hier zu weit fĂŒhren, auf diese besondere Verwandtschaft nĂ€her einzugehen...

Die Erschließung der Musik der Hl. Hildegard von Bingen ist seit vielen Jahren ein wichtiges Thema im Rahmen meiner Seminare. Im JubilĂ€umsjahr 1998 veranstaltete ich mehrere Abendzyklen und Wochenendseminare zum Thema Hildegard.

Hildegard von Bingen - Der kosmische Mensch  (Die braune Kugel im Hintergrund ist die Erde)Hier ein Visionsbild Hildegards, “Der kosmische Mensch”. Die kleine Kugel hinter dem Menschen stellt die Erde dar. Die um den Kreis herum alles umarmende Gestalt ist in feurigem Rot dargestellt, die göttliche Liebe, die alles trĂ€gt.
Unten links sitzt Hildegard  und schreibt die empfangene Schau nieder.

Dazu schreibt Hildegard von Bingen:

“Mitten im Weltenbau steht der Mensch. Denn er ist bedeutender als alle ĂŒbrigen Geschöpfe... Die KrĂ€fte seiner Seele erstrecken sich ĂŒber den gesamten Erdkreis hin (=das Weltall)... An Statur ist er zwar klein, an Kraft seiner Seele jedoch gewaltig. Sein Haupt nach aufwĂ€rts gerichtet, die FĂŒĂŸe auf festem Grund, vermag er sowohl die oberen als auch die unteren Dinge in Bewegung zu versetzen. Was er mit seinem Werk in rechter oder linker Hand bewirkt, das durchdringt das All, weil er in der Kraft seines inneren Menschen die Möglichkeit hat, solches ins Werk zu setzen.”

(Welt und Mensch / De operatione Dei, S.44f /Schipperges, Otto MĂŒller Verlag Salzburg 1965)

Das Grundwerk, an dem Hildegard zehn Jahre schrieb, heißt Sci vias, Wisse die Wege. Es enthĂ€lt Bilder und Texte ihrer Visionen.
SpĂ€ter schrieb sie noch zwei weitere große BĂŒcher:
Eines vertieft die Visionen zum Sci = Wisse: De operatione Dei, Von den Werken Gottes - “Welt und Mensch”,
das andere vertieft die Vias = Wege: Liber Vitae meritorum - Buch der Lebensverdienste - “Der Mensch in der Verantwortung”.

Außerdem schrieb sie das Buch der Lieder, einen umfangreichen Briefwechsel und das (bisher nicht veröffentlichte) rĂ€tselvolle Buch der unbekannten Sprache (Lingua ignota).

Neben diesen philosophisch-theologischen Werken existieren Schriften ĂŒber die Natur, ĂŒber Krankheiten und deren Heilung, mit umfangreichen Rezepten zur DiĂ€t, und eine Beschreibung der Heilkraft der Edelsteine. Diese BĂŒcher existieren nur noch in spĂ€teren Abschriften aus dem 16. Jh und spĂ€ter. Wenn auch der Kern von Hildegard stammt, so wurde doch von den Schreibern manches hinzugefĂŒgt oder abgeĂ€ndert.

Die Musik und die drei großen theologischen BĂŒcher gelten in der Wissenschaft als echt, der Rest nicht. Die beliebten “Intelligenzkekse nach Hildegard” sind z.B. so ein spĂ€ter hinzugefĂŒgter Schmarrn des 20. Jahrhunderts... (der aber lecker schmeckt).

Zum Einstieg in Hildegard empfehle ich Thomas SchĂ€fer “Hildegard von Bingen” (Taschenbuch). Es ist  angenehm zu lesen, enthĂ€lt viele Zitate Hildegards, und gibt einen Überblick ĂŒber ihr Leben, ihre Person und ihr Werk. Die OriginalbĂŒcher von Hildegard sind schwer zu lesen, aber faszinierend!


Musikempfehlungen siehe beim Hildegard-Tipp.

Auf der Folgeseite finden Sie ausgewÀhlte Zitate aus den Werken der Hildegard von Bingen.

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Zuletzt bearbeitet am: Montag, 31. Januar 2022  


 

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Ars Audiendi, die Heilkunst des Hörens. Bewusstes Musikhören ist ein initiatischer Weg zum Wesen, zur Essenz.
Der initiatische Weg erweitert Wahrnehmung und Bewusstsein. Er fĂŒhrt sowohl zum transzendenten Wesen der Musik, als auch zum eigenen lichtvollen Wesenskern. Große, inspirierte Musik ist eine geistige Matrix, die Informationen fĂŒr die neue Zeit vermittelt.